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Mehr als nur eine "Wiese"

Warum Wiesen nicht einfach nur Wiesen sind

Ein Gespräch mit Holger Flogaus über Wiesen, Artenvielfalt und Wildtiere

 

Wer im Frühjahr und Sommer in und um Roßwälden unterwegs ist, stellt schnell fest: Manche Wiesen werden bereits Anfang Mai gemäht, andere stehen bis weit in den Sommer hinein. Manche wirken ordentlich gepflegt, andere erscheinen auf den ersten Blick fast „wild“. Dahinter steckt jedoch kein Zufall, sondern eine bewusste Bewirtschaftung mit unterschiedlichen Zielen.

Wir haben mit Holger Flogaus, Bio-Landwirt aus Roßwälden, darüber gesprochen, warum Wiesen nicht alle gleich sind, welche Rolle sie für Landwirtschaft und Natur spielen und warum das Verhalten von Spaziergängern, Radfahrern, Reitern und Hundebesitzern manchmal einen größeren Einfluss auf Tiere und Pflanzen hat, als vielen bewusst ist.

OGV: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einer Wiese, einer Weide und einer Mähwiese?

Holger Flogaus: Eine Wiese ist grundsätzlich eine grasbewachsene Fläche. Bei einer Mähwiese wird das Gras gemäht und als Futter für Nutztiere wie Kühe, Pferde oder Schafe genutzt. Auf einer Weide hingegen fressen die Tiere das Gras direkt auf der Fläche. Weiden sind deshalb meist eingezäunt. In unserer Region gibt es alle drei Formen, überwiegend aber Mähwiesen.

OGV: Warum werden Wiesen unterschiedlich gemäht?

Holger: Das hängt vor allem von der späteren Nutzung ab. Soll aus dem Gras Silage entstehen, wird früher gemäht. Soll Heu gewonnen werden, wartet man länger. Auch das Wetter spielt eine wichtige Rolle. Außerdem unterscheiden sich die Anforderungen je nachdem, ob das Futter später für Kühe oder beispielsweise für Pferde gedacht ist.

OGV: Wie oft wird eine Wiese im Jahr gemäht?

Holger: Bei der Silagegewinnung können bei guter Witterung bis zu fünf Schnitte pro Jahr möglich sein. Nach jedem Schnitt wächst das Gras wieder nach und kann erneut geerntet werden.

OGV: Immer wieder sieht man die großen weißen Ballen auf den Wiesen. Was ist Silage eigentlich?

Holger: Silage ist konserviertes Gras. Nach dem Mähen wird es zunächst leicht angetrocknet, anschließend stark verdichtet und luftdicht verpackt. Danach beginnt ein natürlicher Gärprozess, ähnlich wie beim Sauerkraut. Dadurch bleibt das Futter über viele Monate haltbar.

OGV: Warum wird für Silage früher gemäht und für Heu später?

Holger: Für Silage benötigt man möglichst junges Gras mit vielen Inhaltsstoffen wie Zucker und Eiweiß. Deshalb erfolgt die erste Mahd oft schon Anfang Mai. Bei Heu wartet man länger. Besonders Pferdeheu wird häufig erst Mitte Juni oder sogar noch später geerntet. Dann enthält das Gras mehr Rohfaser und ist besser auf die Bedürfnisse der Tiere abgestimmt.

OGV: Warum müssen Silageballen luftdicht verpackt sein?

Holger: Nur wenn kein Sauerstoff an das Gras gelangt, kann der Gärprozess richtig ablaufen. Die Folie sorgt dafür, dass die Silage haltbar bleibt und ihre Futterqualität erhalten wird.

OGV: Was passiert, wenn die Folie beschädigt wird?

Holger: Gelangt durch ein Loch Luft in den Ballen, kann die Silage verderben. Es können Schimmel und Fehlgärungen entstehen. Solches Futter verliert nicht nur an Qualität, sondern kann auch für die Tiere problematisch werden. Verdorbene Silage kann zu Futterverweigerung, Verdauungsproblemen oder gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen und darf deshalb meist nicht mehr verfüttert werden.

OGV: Welcher Schaden entsteht dadurch?

Holger: Muss ein beschädigter Silageballen entsorgt werden, entsteht schnell ein Schaden von ca. 50 Euro pro Ballen. Hinzu kommen die Kosten für Mähen, Ernte, Pressen, Wickeln, Lagerung und gegebenenfalls die Entsorgung des verdorbenen Futters.

OGV: Warum werden manche Wiesen gar nicht oder nur sehr selten gemäht?

Holger: Nicht jede Wiese dient ausschließlich der Futtergewinnung. Manche Flächen bleiben bewusst länger stehen und werden erst im Herbst gemäht. So entstehen wichtige Lebensräume für viele Insektenarten.

OGV: Welche Tiere profitieren davon?

Holger: Vor allem Bienen, Schmetterlinge und Heuschrecken. Auf häufig gemähten Wiesen kommen viele Pflanzen gar nicht erst zur Blüte. Bleibt eine Fläche länger stehen, finden die Tiere Nahrung, Schutz und Lebensraum.

OGV: Manche Wiesen wirken auf den ersten Blick fast etwas „unordentlich“.

Holger: Das stimmt. Aus Sicht des Naturschutzes steckt dahinter aber oft ein bewusstes Konzept. Nicht jede Wiese muss aussehen wie ein kurz geschnittener Rasen. Gerade die Vielfalt an Kräutern und Blüten macht solche Flächen für Insekten wertvoll.

OGV: Welche Tiere sind beim Mähen besonders gefährdet?

Holger: Neben vielen Insekten vor allem Rehkitze und Hasen. Junge Rehkitze besitzen in den ersten Lebenswochen noch keinen ausgeprägten Fluchtinstinkt. Statt wegzulaufen, drücken sie sich bei Gefahr ins hohe Gras. Das schützt sie vor natürlichen Feinden, kann bei Mäharbeiten aber gefährlich werden.

OGV: Was versteht man unter der Brut- und Setzzeit?

Holger: Als Brut- und Setzzeit bezeichnet man die Zeit, in der viele Wildtiere ihren Nachwuchs bekommen und aufziehen. Bei Rehen fällt die Hauptsetzzeit meist in die Monate Mai und Juni. Genau in dieser Zeit beginnt häufig auch die erste Mahd der Wiesen. Dadurch überschneiden sich Landwirtschaft und Nachwuchsaufzucht vieler Wildtiere.

OGV: Wie werden Rehkitze vor dem Mähen geschützt?

Holger: Vor der Mahd werden die Flächen kontrolliert. Oft werden die zuständigen Jäger informiert, die die Wiesen absuchen. Heute kommen zusätzlich häufig Drohnen mit Wärmebildkameras zum Einsatz. So können Rehkitze rechtzeitig entdeckt werden.

Gefundene Kitze werden vorsichtig gesichert, häufig in Kisten oder umgedrehten Wäschekörben am Feldrand untergebracht und nach dem Mähen wieder freigelassen. Anschließend findet die Rehmutter ihre Jungen wieder.

 

OGV: Was sollte man tun, wenn man ein Rehkitz entdeckt?

Holger: Ganz wichtig: nicht anfassen und nicht mitnehmen. Auch wenn ein Kitz scheinbar allein im Gras liegt, ist es meistens nicht verlassen. Die Mutter hält bewusst Abstand und kommt nur zum Säugen zurück. Wer ein Rehkitz entdeckt, sollte sich deshalb wieder entfernen und das Tier in Ruhe lassen. Im Zweifel kann der zuständige Jäger informiert werden. (*)

OGV: Warum sollten Hunde während der Brut- und Setzzeit angeleint werden?

Holger: Viele Wildtiere ziehen ihren Nachwuchs im hohen Gras oder am Waldrand auf. Bereits die Anwesenheit eines frei laufenden Hundes kann Tiere aufschrecken oder Jungtiere gefährden. Deshalb sollten Hunde in dieser Zeit auf den Wegen und an der Leine geführt werden.

OGV: Warum ist Hundekot auf Wiesen ein Problem?

Holger: Wiesen sind oft Futterflächen. Gelangt Hundekot in das geerntete Gras, kann die Futterqualität beeinträchtigt werden. Außerdem können Krankheitserreger übertragen werden. Deshalb sollte Hundekot immer aufgenommen und ordnungsgemäß entsorgt werden.

OGV: Was können wir alle dazu beitragen, dass Landwirtschaft, Natur und Erholung gut zusammen funktionieren?

Holger: Viele Menschen nutzen die Wege rund um die Roßwäldener Wiesen zum Spazierengehen, Radfahren, Reiten oder für den Hundespaziergang. Oft ist ihnen dabei gar nicht bewusst, welche Bedeutung diese Flächen für Landwirtschaft, Wildtiere und Insekten hat. Wer die Zusammenhänge kennt, versteht besser, warum bestimmte Verhaltensweisen wichtig sind. So können oft schon kleine Dinge dazu beitragen, Tiere zu schützen, Lebensräume zu erhalten und das Miteinander von Landwirtschaft, Naturschutz und Erholung zu unterstützen.

OGV: Vielen Dank, Holger, für das Gespräch.

Oft genügt ein zweiter Blick, um eine Wiese mit anderen Augen zu sehen: als Futterquelle, als Lebensraum und als wichtigen Teil unserer Landschaft. Genau diese Vielfalt macht unsere Wiesen so besonders.

(*) Findet ihr ein verletztes oder in Not geratenes Wildtier, schaut nicht weg, sondern ruft bitte die Polizei - die Polizei hat in ihrer Leitstelle die Kontaktdaten der zuständigen Jagdpächter und vermittelt die Anfrage entsprechend weiter!

 

Polizeiposten Ebersbach: 07163 – 10030          oder          allgemeiner Polizeinotruf: 110

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